Wer war Ich

Vorwort:

An dieser Stelle möchte ich Euch erzählen, wer ich war und wie es dazu gekommen ist. Mir ist heute natürlich bewusst, dass vieles anders war, als ich es damals empfunden habe. Aber damit Ihr versteht, wie ich gedacht habe und ob Ihr Euch vielleicht zum Teil darin wieder erkennt und ob das, was ich zu sagen habe überhaupt interessant ist für Euch, werde ich alles so erzählen wie ich es seiner Zeit empfand.

Für Leute, die mich schon kennen, könnte der Text „too much information“ sein ;). Müsst Ihr selbst entscheiden, ob Ihr das wissen wollt.

Nach Rücksprache mit meiner Mutter habe ich entschieden den Text noch ein klein wenig zu bearbeiten, damit noch deutlicher wird, dass alles was ich hier schreibe, natürlich nur meine „Wahrheit“ ist und ich erhebe keineswegs Anspruch darauf die einzige zu haben. Ich persönlich habe alles so erlebt und empfunden, darum habe ich es auch so geschrieben, aber ich weiß auch, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat.

 

Mein Werdegang, bevor ich mein Schicksal in die eigenen Hände nahm:

Schon meine Geburt war etwas problematisch. Meine Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt und mich bei der Geburt fast erdrosselt, deshalb musste ich mit dem Notarzt gleich ins nächst größere Kinderkrankenhaus in der 25km entfernten Stadt Koblenz gebracht werden und lag dort für einige Tage im Brutkasten, bis sich mein Zustand gebessert hatte und ich zurück zu meiner Mutter ins andere Krankenhaus zurück durfte.

Meine Eltern glaubten lange Zeit, dass dieser Zwischenfall mein Hirn geschädigt hätte und die Ärzte die das feststellen sollten, machten das nicht wirklich besser. Durch die Geburt war mein Gehirn ganz sicher nicht geschädigt wie ich heute weiß, aber diese Annahme prägte dennoch mein gesamtes Leben. Durch die Geburt wuchs ich allerdings mit einer Immunschwäche auf und war schon im ersten Jahr und noch viele Jahre danach sehr oft krank, was meine sozialen Kontakte nicht wirklich förderte und so manch unerfreuliches Erlebnis hervor brachte. Dazu später mehr.

Einmal im ersten Jahr, heute weiß ich, dass es kein „Zufall“ war, denn ich glaube nicht mehr an Zufälle, lag ich alleine im Bettchen, mein Bruder und mein Vater schliefen, aber meine Mutter kam gerade rechtzeitig nach Hause um mich mit Atemstillstand aufzufinden und da sie Krankenschwester war, konnte sie mich auch retten. In diesem Jahr war ich noch häufig schwer krank mit weit über 40° Fieber und das ging auch die nächsten Jahre so weiter.

Da ich sehr oft eine Mittelohrentzündung hatte, schickten mich meine Eltern mit 3 Jahren für ein 1/4 Jahr in eine Spezialklinik in Norderney (ca. 500km entfernt) und damals war es üblich, dass Eltern nicht dabei bleiben durften. Also war ich schon sehr früh von meinen wichtigsten Bezugspersonen getrennt und das blieb nicht das einzige mal. Und leider kam es noch schlimmer. Denn als meine Eltern mich wieder abholten stellte sich heraus, dass ich wohl dort misshandelt worden war, da ich völlig wesensverändert und entfremdet war, meine Eltern mit „Frau Mutter“ und „Herr Vater“ ansprach und auf der Rückfahrt immer wieder davon sprach, dort immer wieder geschlagen worden zu sein. Ich selbst habe keinerlei Erinnerung an diese Zeit, aber meine Mutter bewegt es noch heute, wenn sie von diesem Moment erzählt. Mittlerweile habe ich auch herausgefunden, dass das wohl in diesem Krankenhaus üblich war, denn ich habe ähnlich scheußliche Geschichten von anderen Menschen gehört, die auch dort gewesen sind, aber eben als ältere Kinder. Dank dieser Erfahrung musste ich bis zu meinem 10. Lebensjahr wöchentlich zur Kindertherapie

 Thomaskind

Da wir in einer reinen Wohngegend wohnten und es zu der Zeit nicht viele gleichaltrige Kinder in der Gegend gab, beschränkten sich meine sozialen Kontakte auf den Kindergarten und danach auf die Schulzeit. Da meine Mutter Nachtschwester war und mein Vater tagsüber auf der Arbeit, war der Fernseher mein bester Freund und ich schon recht früh recht selbstständig.

Ich hatte recht früh das Gefühl, dass mein Vater mich für zurückgeblieben hielt. Und dennoch übernahm ich meines Vaters Männerbild, in dem tanzen, singen und Gefühle zeigen unmännlich war, man keine Schwäche zeigen durfte. Ich hatte immer das Gefühl, für ihn nur das schwarze Schaf der Familie zu sein. Ich kam auch nie damit klar, dass er nie erklärte, warum ich etwas tun sollte, sondern mich lediglich mit den Worten „weil ich es sage“ abspeiste. Und da ich meinen Vater als sehr cholerisch empfand, genügte das dann auch meistens, denn ich wollte ja vermeiden, dass er ansonsten explodierte oder manchmal auch mit einer Ohrfeige seinen Worten Nachdruck verlieh.

(Ich will an dieser Stelle betonen, dass ich zwar schon mal den Hintern versolt bekommen hab oder hier und da ne Ohrfeige, aber das waren seltene Ausnahmen und zu dieser Zeit eben nicht wirklich ungewöhnlich. Ich hatte auch einen Lehrer der gerne mal körperlich nachgeholfen hat. Ich will das sicher nicht rechtfertigen, aber es waren andere Zeiten.)

Mein älterer Bruder und ich standen immer in einem stetigen Konkurrenzkampf. Mein Bruder war meinem Vater in Persönlichkeit und vielen anderen Belangen sehr ähnlich und dazu auch sehr intelligent. Als „running“ Gag, den ich natürlich nicht so empfand hielt er mir immer wieder gerne vor der Dumme zu sein. Wie es unter Brüdern warscheinlich nicht all zu ungewöhnlich ist versuchte mein Bruder den Befehlston und den Druck meines Vaters an mich weiterzugeben, was so maches mal auch zu recht körperlichen Auseinandersetzungen führte, dabei war es völlig unerheblich wer gerade mal im Recht war. Und da meine Eltern oft nicht da waren um da zu vermitteln eskalierte der Streit so manches mal und schuld war natürlich immer der andere ;).

Um völlig fair zu sein, ich habe letztens ein Video aus der Zeit gesehen und es auch in anderen Situationen rückblickend selbst erlebt, war ich durch die wenigen sozialen Kontakte und die viele Zeit die ich krank war sehr anhänglich und auf Aufmerksamkeit fixiert, was mich, so ehrlich muss man sein, ziemlich nervig machte. Natürlich empfand ich das nicht so und so saß ich meinem Bruder oft auf der Pelle und sah zu ihm auf. Es war sozusagen immer ein hin und her zwischen „zu ihm aufsehen“ und „nicht unter kriegen lassen“.

Zu meiner Mutter hingegen hatte ich immer ein sehr tiefes Verhältnis. Das hatte zum einen damit zu tun, dass sie immer für mich da war und immer der sichere Hafen war, die immer zu mir hielt und mich bei allem unterstütze. Im Gegenzug baute aber auch ich sie wieder auf wenn mein Vater explodiert war. Sie ist nicht nur durch ihre Taten in meinen ersten Lebensjahren maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich noch unter den Lebenden weile. Nein, ich hatte in meiner Kindheit so mache Gelegenheit, wo ich durchaus ernsthaft mit dem Gedanken spielte, dem Elend ein Ende zu setzen. Doch da ich wusste, dass meine Mutter das wohl nicht überleben würde, kam ich immer wieder davon ab.

Eine Begebenheit aus meiner Grundschulzeit ist mir noch bis heute in Erinnerung geblieben und hat mich wohl auch maßgeblich geprägt. Ich war ja wie gesagt als Kind oft krank gewesen und hatte keine Kinder in meinem direkten Umfeld. Dadurch hatte ich auch nur wenige Freunde und die sah ich auch nur sehr selten. Als ich in einem Jahr Geburtstag feiern wollte, hatte ich meine ganzen Klassenkameraden eingeladen. Meine Eltern hatten alle Räume und den Garten geschmückt, mehrere Kuchen gebacken und es sah einfach herrlich aus. Auch das Wetter war toll und wir hatten im Garten ein kleines Kinderbecken, was auch für die Kinder vorbereitet war. Ich war natürlich sehr aufgeregt und voller Vorfreude…..dummerweise kam keines der Kinder aus meiner Klasse.

Alle paar Jahre verliebte ich mich mal in ein Mädchen und immer endete es auf die gleiche Weise, nur variierte es, wie schmerzhaft das Geständnis meiner Liebe quittiert wurde. Das Spektrum reichte von „warum ich !?!“ über auslachen, wütenden Beschimpfungen bis hin zu einem Witz für die ganze Klasse. Bis zu meinem 35sten Lebensjahr fand ich kein Mädchen und keine Frau die jemals meine Gefühle respektiert oder gar erwiedert hätte.

Mein Leben lang kämpfte ich darum akzeptiert zu werden, Anerkennung zu bekommen, dazuzugehören, geliebt zu werden usw. Ich war ein sehr gefühlsbetonter Mensch, der allerdings von seinen Gefühlen gebeutelt wurde. In meinen Machtkämpfen mit meinem Bruder waren die Gefühle eine Schwäche, denn wann immer auch nur der Hauch von Streit oder unfrieden in der Luft lag, zog es mir alle Eingeweide zusammen und bereitete mir übelste, sogar körperliche Schmerzen und so konnte ich nur überleben, wenn es Frieden gab. Also musste ich immer nachgeben, wenn es Streit gegeben hatte, selbst wenn ich im Recht war. Wenn ich liebte, dann liebte ich mit Haut und Haar und war völlig am Boden zerstört, wenn das unweigerliche Ende gekommen war. Ich stand also immer mit meinen Gefühlen auf Kriegsfuß und wollte sie nur zu gerne los werden. Als ich später erkannte wie dämilch das war, war es schon zu spät, aber dazu komme ich noch.

Neue Freunde:

Anfang/Mitte der 80er Jahre kam eine neue Liebe in mein Leben die mich noch bis heute begleitet. Dort wo Menschen mich mein Leben lang enttäuscht hatten und nur der Fernseher mir Freude schenkte gesellte sich nun auch noch der Computer in mein Leben. Zunächst war es nur eine Console, doch als der C64 das Zeitalter der erschwinglichen Heimcomputer einleitete, war ich sofort verliebt und da es ja auch keine menschliche Konkurenz gab, wurde der Computer mein bester Freund und Spielgefährte. Nie enttäuschte er mich und ich verstand ihn einfach und zusammen mit dem Fernseher konnte ich zum ersten mal mein wirkliches Potential ausreizen, gut nicht wirklich sinnvoll, aber das lag ja schlicht daran, dass ich als „der Dumme“ galt. Zu meinen besten Zeiten liefen während ich Computer spielte zwei Fernseher mit unterschiedlichen Programmen und ich konnte obwohl ich primär am Computer spielte genau sagen was auf den Fernsehern gelaufen war. Damals machte ich auch zum ersten mal nur für mich einen Intelligenztest und fand heraus, dass ich eben nicht „der Dumme“ war und meine schlechten Noten in der Grundschule, die mich fast auf die Sonderschule verschlagen hätten, wäre meine Mutter nicht gewesen, wohl eher mit Unterforderung und Langeweile zu tun hatten als mit Dummheit. Auch im Verlauf der Jahre wurde das immer offensichtlicher, denn mit jeder neuen Schule, jedem neuen Thema und je komplizierter es wurde, desto besser wurden meine Noten und das obwohl ich stink faul war und das meine gesammte Schulzeit über….naja bis zur letzten Ausbildung.

Schon sehr früh, kurz nach der Einschulung lernte ich einen neuen Freund kennen, der ebenso wie das Fernsehen immer da war und mir ein gutes Gefühl gab, wenn sonst alles trostlos schien – das Essen. Ich war ein typischer Frustesser und wann immer es mir schlecht ging, ich mich einsam und allein fühlte, oder ungeliebt oder sonst irgenwie schlecht, war das Essen mein Weg damit um zu gehen und so wurde schon bald das Essen und mein Gewicht der größte Kampf meines Lebens. In der Grundschule schon wog ich 90kg und kämpfte seit diesen Tagen immer wieder mit meinem Gewicht. Eigentlich sah ich zu dieser Zeit selbst darin noch kein Problem, aber nach meinem ersten Korb von meiner ersten großen Liebe vor versammelter Mannschafft und nachdem meine Eltern und andere Kinder mir immer wieder eintrichterten, dass ich zu fett wäre, begann auch mein Selbstwertgefühl zu sinken und ich begann mit Diäten.

Als ich in der 9.ten Klasse mal wieder unglücklich verliebt war und nach dem Urlaub in Dänemark zum ersten mal mit dem Gewicht im dreistelligen Bereich gelandet war, war für mich das Maß voll und anstatt wieder eine der 1000senden Diäten zu machen die ich erfolglos in der Vergangenheit versucht hatte, beschloss ich diesmal meinen eigenen Weg zu gehen und machte eine Radikaldiät bei der ich jeden zweiten Tag oder auch mal zwei oder drei hintereinander gar nix aß und an den anderen Tagen normal. „FDH wörtlich genommen nannte ich das“ auf diese Weise geschahen zwei Dinge. Zum einen nahm ich 30 kg ab und landete bei etwa 73 kg bei 1,70m, zum ersten mal war ich schlank im meinem Leben und war ziemlich glücklich darüber. Das zweite jedoch was geschah, passierte im Hintergrund und sollte sich schon ein halbes Jahr später rächen, denn im Grunde hatte ich mein eigentliches Problem ja nie gelöst.

Es kam also wie es kommen musste. Ein halbes Jahr später besuchte ich meine Schwester in den USA und aus vielfältigen Gründen die teils auf meiner eigenen Dummheit beruhten und zum Teil auch auf anderen Dingen schlug der Jojo-Effekt und die zufor angedeutete Konditionierung meines Körpers gnadenlos zu. Binnen 3 Wochen nam ich nicht nur die 30kg wieder zu, sondern schoß unaufhaltsam bis 120kg. Alle Versuche in den nächsten Jahren das wieder in den Griff zu bekommen endete auf die gleiche Weise, ich nam nichts mehr ab, aber nach jedem Versuch 1-2 kg zu und so kam ich nach ein paar Jahren auf 135 kg. Das war dann auch der Punkt an dem ich mit Frauen und Liebe und allem resigniert abgeschlossen hatte im Festen glauben ohnehin nicht liebenswert zu sein und optisch eh für jeden Menschen ein Monster. Die Kreberkrankung meines Vaters den meine Mutter und ich zu Hause neben der Arbeit in den Tod begleiteten tat dann letztlich sein übriges um mich bis 164 kg zu bringen.

 Schulicher und Beruflicher Werdegang:

Nachdem ja für meine Eltern unklar war, ob ich durch meine Geburt Hirnschädigungen davon getragen hatte, sollten das Ärzte in Mainz heraus finden. Ich kann heute nicht sagen was da los war, aber meinen Eltern wurde geraten mich in Ruhe zu lassen und nicht zu sehr zu fordern, rückblickend betrachtet ganz klar ein Fehler, ich war ein Kind und stink faul und dazu noch vom Stoff gelangweilt und somit lagen meine Durchschnittsnoten zwischen 4-6. Durch die Aussage der Ärzte und meine Noten war unklar ob ich eben für die Hauptschule geeignet war, mein Vater war schnell bereit mich auf die Sonderschule zu schicken, doch meine Mutter sah mehr in mir und kämpfte dafür, dass ich zumindest auf die Hauptschule durfte. Kaum war ich auf der Hauptschule veränderte sich mein Notendurchschnitt auf 2-3 und sank erst gegen ende auf 3-4, weils wohl wieder zu langweilig war. Hausaufgaben hab ich tatsächlich nie gemacht….zumindest nicht zu Hause, wie gesagt ich war faul, aber verstanden hab ich alles.

Nach der Hauptschule ging es auf die Berufsfachschule Elektro, wo abermals mein Notendurchschnitt besser wurde, zwar war es wieder 2-3 aber hier und da war auch eine 1 dabei. Hier merkte ich auch, dass ich ein echtes Problem mit Prüfungen hab. Nachdem ich jetzt die Berufsfachschule mit mittlerer Reife erfolgreich abgeschlossen hatte, wußte ich zunächst nicht was ich machen wollte. All die Dinge die mich begeistert hätten waren undenkbar, schließlich waren meine Eltern erzkonservativ und ich zu dieser Zeit ebenfalls. Etwas künstlerisches, kreatives stand also nie zur Debatte. Allerdings hatte ein guter Freund meines Vaters eine Lehrstelle als Elektriker zu vergeben und mein Vater hatte sich dafür eingesetzt, dass ich diese bekommen würde. Ich konnte mir seiner Zeit nichts darunter vorstellen, aber ich hatte ja nun den Abschluss der Elektro-Berufsfachschule, also erschien es als logischer Schritt. Ich durfte aufgrund meiner Vorbildung das erste Jahr der Lehre überspringen und merkte schnell, dass ich wenig dazu lernte und der Beruf selbst mich so gar nicht forderte….zumindest nicht geistig. Körperlich hingegen war er scheußlich, aber das gehörte nunmal zur Lehre dazu. Ich lernte gerade im praktischen Teil, also während ich in der Firma war fast nix, da ich meistens nur mit Handlangertätigkeiten beschäftigt wurde. Von daher war auch verständlich, dass ich diesen Beruf sicher nicht mein ganzes Leben würde machen wollen, aber ich war nicht mutig genug mich gegen die Wünsche meiner Eltern zu stellen und brauchte ein gutes Argument. Ein Arzt stellte dann glücklicherweise fest, dass ich ein hyperreagibles Bronchialsystem habe und deshalb der Baustaub im schlimmsten Fall zum Atemstillstand führen könnte.

Und da das damals noch möglich war bekam ich eine Umschulung bezahlt. Diesmal war ich zwar klüger und erkundigte mich über die verschiedensten Berufe und machte einige Praktika. Leider war ich immer noch viel zu konservativ, viel zu sehr bemüht den Wünschen und Gedanken meiner Eltern zu folgen und zu sehr darauf bedacht mich nicht zu überarbeiten….statt also das beste für mich zu suchen, suchte ich nur nach dem kleinsten Übel und schaute dabei nicht über meinen Tellerrand hinaus. Außerdem hatte ich schlicht nicht genug weitblick, was Schicht- und Bereitschaftsdienst wirklich bedeutet. Und so entschied ich mich für die Ausbildung zum Medizinisch Technischen Assistenten der Radiologie kurz MTAR.

Die Ausbildung war so ziemlich die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich hatte mich damit abgefunden nicht liebenswert zu sein, aber ich war frei. Ich wohnte zum ersten mal alleine, konnte meine Zeit völlig frei einteilen und auch die Schule war immer spannend. Und obwohl oder gerade weil diesmal alles frei war, fing ich auch zum ersten mal im Leben wirklich an zu lernen und genoss die Freiheit in vollen zügen. Es ist daher auch kaum verwunderlich, dass nun der Notendurchschnitt am besten war (1-2). Nach der Ausbildung kehrte ich nach Hause zurück, mein Vater hatte mittlerweile Krebs gehabt, aber zu dieser Zeit hatte er ihn noch überlebt. Schnell fand ich im örtlichen Krankenhaus eine Stelle als Schwangerschaftsvertretung, leider nur für 3 Jahre und in dieser Zeit, gegen Ende begleitete ich zusammen mit meiner Mutter meinen Vater in den Tod. Der Job war in Ordnung, die Bezahlung ausreichend, aber so richtig glücklich war ich nicht, allerdings war das auch nie eine Bedingung. Ich war froh genug nicht mehr als Elektriker für einen Hungerlohn malochen zu müssen, also fand ich mich damit ab.

Nachdem mein Vater gestorben war und meine Schwangerschaftsvertretungsstelle ausgelaufen war, musste ich nun eine Entscheidung treffen. Alleine hätte meine Mutter das Haus nicht halten und instand halten können und es gab noch andere Gründe warum ich sie nicht im Stich lassen konnte, also entschied ich mich nicht für die Freiheit und mir einen Job irgendwo zu suchen, sondern ich entschied mich zu hause zu bleiben und mir etwas in der Nähe zu suchen. Nach einiger Zeit als Arbeitsloser fand ich eine Stelle in einem größeren Krankenhaus. Hier lief eigentlich alles super, ich arbeitete mich schnell ein und war fleißig, leider war ich damals für´s Berufsleben schlicht zu naiv und dachte wann man motiviert und fleißig arbeitet reicht das aus, zumal ich jemand war der sich auch immer für jeden Mist gemeldet hatte. Dummerweise wußte ich zu dieser Zeit nicht, dass noch jemand dort arbeitete deren Stelle befristet war und auslaufen sollte, doch sie war mit der Abteilungsleitung befreundet und sie hatten einen Plan geschmiedet meine Stelle, die unbefristet war gegen Ihre stelle aus zu tauschen. Kurzerhand erfand die Abteilungsleitung also 3 Tage vor auslaufen meiner Probezeit eine schlechte Bewertung meiner Arbeit und überzeugte den Chef mich zu nötigen eine Arbeitsvertragergänzung zu unterschreiben womit meine Stelle auf Ende des Jahres begrentzt wurde und konfrontierte mich damit. Meine Alternative wäre die sofortige Kündigung gewesen und da ich vorher ja arbeitslos gewesen bin, blieb mir also nichts anderes übrig als darauf ein zu gehen, damit ich wenigstens die Zeit in Arbeit angerechnet bekam, wenn ich wieder arbeitslos würde.

Die einzige Genugtuung war damals, dass ich nachdem ich die Stelle verloren hatte bekannt wurde, dass das Krankenhaus stellen abbauen müsse und somit meine unbefristete Stelle ganz weg viel, also auch nicht an die Jobräuberinnen gehen konnte. Dennoch hat mich dieses Erlebnis stark geprägt. Danach kam eine schwere Zeit, denn ich war lange arbeitslos und fand einfach keine Stelle und das obwohl ich den Suchradius sehr weit ausgedehnt hatte. Damals wurde gerade Hartz4 eingeführt und machte uns allen das Leben schwer. Ich habe dann in vielen Jobs kurzfristig gearbeitet, als Blutspendehelfer, als Verpacker, als Internetradiomoderator usw. Ich hab alles versucht was geht, bis ich in meinem Heimatort eine Aushilfsstelle als Nightauditor im örtlichen Hotel bekam und auch hier geradezu aufblühte. Obwohl der Job mich eigentlich nicht wirklich forderte, konnte ich mich aber durch mein Computer-Know-How in den Vordergrund spielen und erschuf so eine eigene Stelle die es vorher nie gegeben hatte. Zusätzlich kam mir dieser Tag-Nacht-Rythmus total entgegen und ich merkte, dass dies mein natürlicher Rythmus war, denn ich war immer ausgeschlafen, obwohl ich deutlich weniger schlief. Jeder Tag war fast wie Urlaub und das trotz Arbeit – völlig ungewohnt und ich würde sicher noch heute dort arbeiten, wenn der Verdienst nicht viel zu niedrig gewesen wäre um davon wirklich leben zu können. Ich konnte mich zwar damit arrangieren, doch als ich dann noch für 3 Monate in Winterpause geschickt werden sollte und gleichzeitig eine Vollzeitstelle im örtlichen Krankenhaus frei wurde, blieb mir nichts anderes übrig als die Vernunftsenscheidung zu treffen und in meinen alten Beruf zurück zu kehren.

Thomas vorher

 Wer war ich, bevor ich mein Schicksal in die eigenen Hände nahm:

Ich war ein arbeitsloser, schwer übergewichtiger (164 kg bei 1,70m), hoffnungslos romantischer, sehr schüchterner, intelligenter Harz4 Empfänger, der sich selbst für ein Monster hielt, das nicht liebenswert war, das keine nennenswerte Freunde hatte und außer dem Fernsehen, dem Computer höchstens mal an einer Rollenspielrunde teil nahm. Ich glaubte an gar nix mehr und erwartete auch nichts vom Leben.  Mit 33 war ich noch Jungfrau und hatte in meinem ganzen Leben von Frauen nur verachtung erfahren wenn es um meine Gefühle für sie ging. Ich war erzkonservativ erzogen worden und lehnte meine eigenen Gefühle als störend und läßtig ab. Ich lebte ein Männerbild, das mir eigentlich überhaupt nicht entsprach – Männer singen nicht, tanzen nicht, zeigen keine Gefühle usw. Ich lebte wie ein Messi und mir war so ziemlich alles egal, dennoch wollte ich es immer allen recht machen, war harmoniesüchtig und wollte immer wenigstens irgendwo dazu gehören. Ich wartete immer auf „die Eine“ die an dem Monster vorbei sah und sich in mich verlieben würde und mein ganzes Leben verändern würde.

Nachwort:

Abschließend möchte ich noch etwas nachtragen, damit kein falscher Eindruck entsteht. Wie ich ja schrieb, habe ich alles (bis auf ein paar kürzlich vorgenommene Änderungen) aus meiner und der damaligen Sicht geschrieben ohne die Erkenntnisse von Heute. Heute ist mir natürlich auch bewusst, dass jeder Mensch so handelt wie er in dem Augenblick muss und die meisten Menschen aus guten Motiven handeln und man sowieso später klüger ist ;). Ich habe meine Familie stets als sicheren Hafen gesehen und wichtiger als alles andere und tue das noch. Auch wenn der Text nicht so scheint bin ich froh, dass mein Leben ganz genau so verlaufen ist, denn es hat mich mit allem guten und weniger guten, zu dem Menschen gemacht der ich heute bin und noch werde.

Wenn der Text ein wenig gefühllos und steril klingt, dann liegt das daran, dass ich vor 7 Jahren durch ein Ereignis meine Gefühle komplett abgeschirmt habe und dafür noch keine echte Lösung gefunden habe. Sobald ich die aber finde werdet Ihr das natürlich auch in meinem Blog lesen.

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3 Gedanken zu „Wer war Ich

  1. Hallo Thomas,

    du erzählst hier sehr viele persönliche Dinge, über die die meisten nicht reden würden. Erfahrungen, die andere am liebsten für immer wegsperren und vergessen würden. Und alles, was vor der Zeit in unserer Rollenspielgruppe vor etwa 13 Jahren war, ist mir völlig neu. Ich war zum Teil sehr erschüttert, wie deine Kindheit und Jugend verlaufen ist. Umso erstaunter bin ich, dass du es geschafft hast, dich aus dem Bild zu lösen, was dir von anderen über dich vermittelt wurde und dir ein eigenes und völlig anderes Selbstbild aufzubauen. Du hast ein eigenes, neues und positiveres Bewusstsein deiner Selbst entwickelt und dich von dem gelöst, was damals als Gegeben galt, aber nie deiner inneren Überzeugung entsprach. Das schafft man nur mit einem starken Willen. Du hast es geschafft zu erkennen, dass du mehr bist und dass du mehr kannst. Und vor allem, dass du einen anderen Weg gehen wolltest, als man dies von dir erwartet hat, und diesem Weg folgst. Und gerade das erfordert Mut. Mut zur Veränderung, Mut „Nein“ zu sagen, Mut aus alten anerzogenen Gewohnheiten auszubrechen. Mut „Ja“ zu dir selbst zu sagen, in dich hineinzuhorchen und auf dich selbst zu hören statt auf andere und den Weg zu gehen, den du für richtig hältst. Und wie ich das sehe, ist dieser Weg gut. Du hättest nach deinen Erfahrungen ein verbitterter, introvertierter und vielleicht auch bösartiger und menschenverachtender Mensch werden können. Aber du hast dich zu einem warmherzigen, offenen und liebenswürdigen Menschen entwickelt. Ich hoffe, du wirst diesen Pfad nie verlassen.

    1. Hallo Birgit,

      herzlichen Dank. 🙂 Ich gehe mit diesen Sachen normalerweise in der Tat nicht so haushalten, aber ich fand es wichtig hier ein klares Bild zu zeichnen, damit man auch weiß wer ich war und welchen Weg ich gegangen bin und ob mein Blog für die jeweiligen Leser interessant ist. Alles hab ich aber tatsächlich nicht erzählt, um Beteiligte zu schützen bzw. nicht den Eindruck zu erwecken schmutzige Wäsche waschen zu wollen. Ich hatte auch eine Phase vor ein paar Jahren, nach einem für mich wirklich „zerstörenden“ Ereignis, wo ich an einem Scheideweg stand. Es brauchte gut 3 Jahre bis ich wieder halbwegs klar denken konnte und ohne Tantra hätte ich das vielleicht auch nicht geschafft. Leider hab ich damals auch etwas „geschafft“, das mir wohl zwar beim Überleben geholfen hat, aber mein Leben noch Heute beeinträchtigt. Ich habe also noch einen weiten Weg vor mir 😉 und wenn ich erst mal die letzten Jahre schriftlich nachgeholt habe, werde ich hier auch davon berichten.

      Liebe Grüße
      Thomas

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